Gedanken für meine Prinzessin
Taufe 04.12.2005
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Freundschaften
Schutzengel
Nachdenkliches
Wir in Gottes Hand.
Kinder werden nicht gefragt
Wie gut, dass es Oma und Opa gibt!
Wir bauen eine Brücke
10 Gebote
Glaube, noch Zeitgemäß?
Erläuterung zum Gebot 4
Familienkonflikt
Enkel - Großmutter
Mit Kleinkindern philosophieren
Wie können Eltern die Konzentrationsfähigkeit ihre
Wie können Eltern ihren Kindern beim Spracherwerb
Sprache lernen
Erzählen, vorlesen, selber lesen
Bewegung macht Kinder klug
Kinder brauchen Kinder
Soziale Kontakte zwischen Kleinkinder
Was Kinder über Streit und Konfliktlösungen denken
Nur ein Kinderspiel? - oder: Wie Spielen bildet
Vertrautheit fördert und erleichtert den sozialen
Kleinkindforschung und Kleinkindbetreuung
Kreativität der Kinder
Selbstbewusstsein der Kinder stärken
Nachdenkliches
Das Jahr 2006
Kindergedichte
Kindergedichte
Tagebuch eines Kleinkinds 1
Tagebuch eines Kleinkinds 2
Sinnsprüche für Kinder
Halloween
Kindermärchen in Kindergarten und Hort
Abends ein altes Märchen vorlesen - warum nicht:
Martinslieder
Bommel Brummbär und sein Freund Ferdy
Die Fieberelfen
Unser Schnuffi
Frosch Frederiks Geburtstag!
Kinderfragen



1. Frühe Kindheit ist eine Phase extrem hoher Lernfähigkeit

In der Verhaltensforschung ist seit langem bekannt, dass der menschliche Säugling eine Frühgeburt ist. Andere Lebewesen haben bis zu 21 Monaten Schwangerschaftszeiten, das bedeutet, dass der menschliche Säugling zwölf Monate zu früh auf die Welt kommt. Man weiß aber heute auch: Das ist ein enormer Vorteil; die frühe Geburt ermöglicht vielfältige Lernprozesse, menschliche Babys sind viel offener für Umweltanreize als Babys im Tierreich. Nach der Geburt entsteht die Grundstruktur für Zugangsweisen zur Umwelt. Durch das frühe Lernen kann der Mensch die kulturelle Lebensweise erwerben. Er ist auf das Lernen angewiesen, ja es herrscht sozusagen ein Lernzwang.

Das frühe Lernen ist möglich, weil der Säugling bei der Geburt bereits ca. 100 Milliarden Nervenzellen besitzt (zur frühen Gehirnentwicklung s. Singer 2005, Eliot 2002, Hüther 2004a, b, Kasten 2005). Noch entscheidender ist jedoch die Synapsenbildung (die Verdrahtung zwischen den Nervenzellen, die das Fühlen, Wahrnehmen, Denken und Handeln erst möglich macht): Aus ca. 50 Billionen Synapsen bei der Geburt entstehen in den ersten acht Lebensmonaten ca. 1000 Billionen Synapsen, d.h. die Verschaltungen verzwanzigfachen sich.

Wenn Umweltanregungen fehlen, verkümmert die Synapsenbildung oder sie wird ganz verhindert. Wenn man z.B. junge Katzen im Dunkeln aufzieht, funktioniert zwar der äußere Sinnesapparat (die Augen), aber es entstehen im Sehzentrum im Gehirn keine Synapsen, die Katzen bleiben blind (Dichgans 1994). Wolf Singer (2005), der bekannteste deutsche Hirnforscher, bringt das Beispiel von menschlichen Babys, die früher oft wegen Augenentzündungen bei der Geburt blind waren. Wenn man diese Babys nach einigen Monaten an den Augen operierte, funktionierte zwar das Auge, aber es hatten sich in diesen Monaten keine Synapsen gebildet, die Kinder blieben blind.

Die Gehirnentwicklung ist also auf den Gebrauch der Sinne angewiesen ("Use it or lose it!"). Durch den Gebrauch der Sinne und der Nervenzellen kommt es zu Verstärkungen und Verdichtungen bei der Synapsenbildung ("Cells that fire together wire together"). Die (biologisch orientierten!) Hirnforscher sagen heute: Die Gene liefern nur das Baumaterial, erst durch Umweltanregungen entstehen im Gehirn Synapsenbahnen; manche Forscher sprechen sogar von "Straßen" und "Autobahnen" der Synapsenverbindungen im Gehirn (Hüther 2004a) (während es bei Nicht-Anregung bei "Trampelpfaden" bleibt). Die Verstärkung der Synapsen, die "Straßenbildung" ist auch noch im Erwachsenenalter beobachtbar: Man hat Taxifahrer in London mit bildgebenden Computertomographieverfahren untersucht und festgestellt, dass sie Synapsenverstärkungen im räumlichen Vorstellungszentrum des Gehirns (im Hippocampus) haben; dies führt man darauf zurück, dass die Taxifahrer jahrelang den Stadtplan von London im Kopf benutzen und dadurch das räumliche Gedächtnis trainieren (Schnabel 2005). Ein anderes Beispiel: Bei Geigenspielern ist im Gehirn das Zentrum für den Tastsinn besonders ausgeprägt, und zwar nicht insgesamt, sondern nur der Tastsinn für die linke Hand (Singer 2005).

In den ersten Lebensmonaten entsteht die Architektur oder das Grundgerüst für Fühlen, Wahrnehmen, Denken und Handeln: je nach Umwelt werden durch Feinabstimmung die speziellen Muster "eingebaut"; man hat gesagt: Die Festplatte wird formatiert. Auch dazu ein Beispiel: Wenn man junge Katzen in Kästen aufzieht, an deren Wänden sich nur horizontale Streifen befinden, entsteht bei diesen Katzen das Weltbild oder die Grundstruktur: Die Welt ist quergestreift, und der Orientierungssinn stimmt sich fein darauf ab; wenn man dann die Katzen in Kästen mit Längsstreifen bringt, können sie sich nicht mehr orientieren, sie torkeln herum; die Synapsenbahnung durch die Umwelt hat ein spezifisches Muster erzeugt, das dann nicht mehr angemessen ist (Vester 1978).

Durch Nichtgebrauch der Synapsen kommt es zum Verschwinden der Verschaltungen; Gehirnforscher schätzen, dass in den ersten Lebensjahren ca. 30 bis 50% der Synapsen verloren gehen. Sie sprechen hinsichtlich der Synapsenverstärkung von einem "Zeitfenster" oder einer "sensiblen Phase", die vorbei geht, wodurch dann spätere Anregungen nicht mehr wirken können. Für einige sinnliche Wahrnehmungen ist das belegbar (z.B. das Sehen von jungen Katzen), das Konzept der "Zeitfenster" und "sensiblen Phase" ist aber umstritten (vgl. Dichgans 1994 und Pauen 2004).

Zur Bedeutung sozialer und materialer Umweltanregungen gibt es Untersuchungen mit menschlichen Kindern und mit Tierjungen. In der Pädagogik hat das sog. Milwaukee-Experiment große Beachtung gefunden: In einem Zentrum für geistig Behinderte befanden sich Gruppen von geistig ganz schwachen Kindern abgetrennt von jungen, ebenfalls geistig ganz schwachen Frauen. Man hat dann Paare von jeweils einer Frau und einem Kind gebildet, und die Frauen kümmerten sich um das jeweilige Kind, liebkosten es, spielten mit ihm usw. Nach einigen Jahren stellte man fest, dass sich diese Kinder recht gesund entwickelt und einigermaßen normale Schulabschlüsse erreicht hatten; die Kinder aus der Kontrollgruppe ohne Mutterzuordnung waren häufiger krank und häufiger ohne Schulabschluss.

Bei den kompensatorischen Vorschulprogrammen (z.B. Head Start, Sesamstraße) in den USA war man zunächst enttäuscht, dass die erzielten Anfangserfolge (Intelligenzzuwächse) sich nach Beendigung der Förderprogramme nicht hielten; in Längsschnittstudien zeigten sich dann aber überraschend doch positive Ergebnisse: Die jungen Leute, die als Kinder an den Förderprogrammen teilgenommen hatten, hatten bessere Schulabschlüsse und höhere Berufspositionen als die Personen ohne Förderprogramme.

Die Gehirnforscher bringen als Beispiel für den Einfluss der Umwelt/der Kultur auch die chinesischen Menschen, die kein r sprechen können; in anderen Kulturen entwickelt sich durch die erwachsenen Vorbilder die r-Lautbildung. Am aussagekräftigsten zum Einfluss der Kultur und der häuslichen Umwelt sind natürlich die Erkenntnisse zur Sprachentwicklung von Kindern insgesamt: sprachliche Mängel, "Eigensprachen" je nach Milieu, Dialektsprechen, Akzent beim Fremdsprachensprechen (vgl. Dichgans 1994).

Untersuchungen zu Umweltanregungen bei Tieren kann ich nur ganz kurz streifen, sie sind aber auch recht eindeutig: Man kann durch Zuchtwahl über ein paar Generationen dumme und kluge Ratten hervorbringen. Man hat solche Ratten in sehr anregungsreichen Umwelten (bunte Gegenstände, Bälle, Tunnel u. ä.) und in sehr anregungsarmen Umwelten aufgezogen. Danach mussten sie durch schwierige Labyrinthe laufen. Ergebnis: Ursprünglich dumme, aber anregungsreich aufgewachsene Tiere schnitten besser ab als ursprünglich kluge, anregungsarm aufgewachsene Tiere. Hirnforscher konnten in einer anderen Studie mit bildgebender Computertomographie sogar nachweisen, dass sich je nach Grad der Umweltanregung im Gehirn von Ratten mehr oder weniger Verstärkungen zeigten.


Zusammenfassung:

In den ersten Lebensjahren des Kindes finden entscheidende Lernprozesse statt. Durch den unreifen Entwicklungsstand bei der Geburt bestehen beim jungen Menschen sehr viele Lernchancen, wichtige Gehirnstrukturen bilden sich in den ersten Lebensjahren heraus. Der Neurologe Dichgans sagt (1994, S. 240): In den ersten Lebensjahren entsteht die "geistig-seelische Grundkonstitution". Der Streit, ob die Gene oder die Umwelt größeres Gewicht bei der Entwicklung der Kinder haben, ist völlig überholt, es handelt sich eindeutig um eine Wechselwirkung. Die Gene sorgen für den Entwicklungsplan, die Gene überlassen die Spezifizierung der Entwicklung aber der Umwelt, der Kultur (Dichgans 1994, S. 236, zur Beeinflussung der Gene durch die Umwelt vgl. Bauer 2005). Es ist deshalb sehr berechtigt, wenn die Frühpädagogik heutzutage den hohen Stellenwert des frühen Lernens und frühzeitiger Bildungsprozesse betont. Man muss ja nicht so weit gehen, einen systematischen Bildungsplan für gezieltes Lernen in der pränatalen Zeit zu erstellen.





2. Kindliche Entwicklung ist auf Sozialkontakte angewiesen

In pädagogischen Texten findet man oft eine Geschichte über Friedrich II. (13. Jahrhundert) zur Sprachentwicklung von Kindern: Friedrich II. wollte die Ursprache der Menschen entdecken und ließ dazu Säuglinge weitgehend isoliert und ohne Sprachkontakte aufziehen; es durften nur Personen zu den Kindern, um ihnen Essen zu bringen und die sonstige Grundpflege angedeihen zu lassen; Sprechen war verboten. Ergebnis war, dass die Kinder überhaupt nicht sprachen und nach einiger Zeit starben. Hier handelt es sich zwar um eine Legende, aber der Kern der Geschichte wird von moderner Forschung bestätigt. Der amerikanische Psychologe Harlow setzte junge Rhesusaffen völlig isoliert in Käfige, ohne Spielkameraden und ohne Mutter. Diese Affen spielten nicht, zeigten kein Neugierverhalten und wurden schwer verhaltensgestört (ängstlich, aggressiv). Auch eine Art Mutterpuppe änderte daran nichts. Erst als sie wieder Sozialkontakte hatten und mit anderen Äffchen spielen konnten, war eine gewisse Heilung beobachtbar. Die fehlende soziale Mitwelt wirkte sich nicht nur auf das Sozialverhalten, sondern auch auf die kognitive Entwicklung negativ aus. Es ist z.B. bekannt, dass Tiere im Spiel mit anderen die Gegend erkunden und dabei eine kognitive Landkarte erwerben.

Die Gehirnforschung schenkt der Gehirnentwicklung durch Sozialkontakte große Aufmerksamkeit. Die Bahnung der Synapsen, die Entstehung der Grundstrukturen des Weltverstehens ist in engem Zusammenhang mit der sozialen Welt zu sehen: Das menschliche Gehirn ist eine soziale Konstruktion (Roth 2004, Bauer 2005), die kommunikativen Prozesse sind entscheidend (Singer 2005). In den ersten Lebensmonaten kommt es auf die soziale Interaktion des Kindes mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen an (Hüther 2004b).

Müssen die Eltern oder Bezugspersonen dazu Pädagogik studiert haben? Eine Gruppe von Entwicklungspsychologen sagt: nein, die Natur hat vorgesorgt. Die meisten Eltern zeigen im Kontakt mit dem Säugling richtiges, intuitives Elternverhalten (Papousek & Papousek 1987, vgl. Rauh 1995, S. 228). Solche richtigen, entwicklungsfördernden Verhaltensweisen sind z.B.:

richtige Einschätzung der Wachheit des Säuglings
Beherrschung der visuellen Kontaktaufnahme (ca. 25 cm Abstand) angemessene Stimulation durch Mimik, Gestik, Tonfall usw.
meist ein Wechselspiel von Streicheln, Kitzeln, Lautieren, Imitieren und entsprechenden Reaktionen des Kindes

Papousek & Papousek meinen, die Eltern verhielten sich didaktisch so geschickt, als ob sie es im Lehrbuch gelesen hätten.

Der zentrale Begriff für das richtige Erziehungsverhalten ist der der Sensitivität oder Feinfühligkeit (bei der Krippenforschung werden wir wieder auf diesen Begriff stoßen): Die Pflegeperson bemerkt, wenn das Kind den Dialog sucht; sie erkennt entsprechende Signale und reagiert prompt; sie kann in richtigem Maß stimulieren (meist bis zu einem Höhepunkt, dann Ausklingphase); sie gibt positive Rückmeldungen und ermutigt; sie ist zuverlässig da und ihr Verhalten ist freundlich. Oder auf einer anderen Ebene ausgedrückt: Die Pflegeperson lässt Geborgenheit spüren, vermittelt Urvertrauen, ist einfühlend und unterstützend, zeigt emotionale Wärme und Liebe.

Ein wichtiges Vehikel der sozialen Interaktion ist das Spiel. Es gibt hoch differenzierte Untersuchungen zum Zusammenhang von Eltern-Kind-Spiel und kindlicher Entwicklung, z.B. zum Guckguck-Spiel, zu motorischen Spielen, zu Versspielen (Überblick in Einsiedler 1989 und 1999). Sensible Mütter halten den Spielkontakt z.B. auch aufrecht, wenn sie in einem anderen Raum sind, nehmen Anteil, rufen dem Kind zu. Das Spiel hat den Vorteil, dass es auch bei vielen Wiederholungen Freude bereitet und dadurch Lerngewinne ermöglicht.

Es gibt aber auch die andere Seite der Medaille: Manche Eltern sind unfähig, die soziale Interaktion mit dem Kind angemessen zu gestalten. Es fehlt offensichtlich an der Tradierung von richtigem Verhalten. Darüber hinaus sind viele medizinische und pädagogische Missstände sowie Risiken für die Entwicklung der Kinder bekannt:

Alkohol, Nikotin und schädliche Medikamente während der Schwangerschaft das Kind ist unerwünscht/wird abgelehnt
Ehekrisen und Scheidung wirken sich auf das Familienklima aus Unwissenheit über Erziehung psychische Störungen der Mutter (in den USA existiert eine umfängliche Forschung zu mütterlicher Depression und kindlicher Entwicklung)
falsche sächliche Ausstattung, Überschüttung mit Materiellem statt emotionaler Zuwendung
keine Anregung durch Bilderbücher, kein Vorlesen, keine Erklärungen Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern.

David Stern hat schon in den 1970er Jahren inkompetentes Elternverhalten beobachtet und systematisch zusammengestellt: Überstimulation (die Eltern hören nicht auf, mit dem Kind zu spielen, auch wenn es Unlust zeigt), Unterstimulation (das Kind wird sich selbst überlassen, langweilt sich), falsche Reaktionen (die Mutter will z.B. füttern, während das Kind spielen will) (vgl. ausführlich Stern 1979, S. 134ff.). Keller (1997) konstatierte Zusammenhänge zwischen der Sensibilität der Mutter und der Kontaktaufnahme durch Blickverhalten des Säuglings: Je mehr die Mütter liebevoll annehmend waren und angemessen reagierten, desto aufmerksamer schauten die Babys. Je mehr die Mütter gleichgültig, missachtend, aggressiv waren, desto weniger suchten die Babys den Blickkontakt, desto unaufmerksamer schauten sie. Keller unterscheidet etwas vereinfachend zwischen zwei Erziehungsstilen:

Die Erziehungssituation ist harmonisch, unterstützend, die Eltern sind sensibel und reagieren angemessen; dies führt zu günstiger kindlicher Entwicklung und zu sicherer Bindung (vgl. nächsten Abschnitt);
die Erziehungssituation ist instabil, zurückweisend, die Eltern sind unsensibel, reagieren unangemessen; die Folge beim Kind sind häufig Entwicklungsdefizite, Verhaltensstörungen und unsichere Bindung.

Unter anderem im Zusammenhang mit Schulleistungsuntersuchungen (z.B. PISA) wurde in Medien ausgesagt, schwache Schulleistungen träten eher bei Kindern aus "einkommensschwachen Familien" auf. Selbstverständlich ist nicht das geringere Einkommen ursächlich, sondern der Erziehungsstil, der Erziehungsmangel, das Fehlen von Umweltanregungen. Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen können viel von Entwicklungsdefiziten der Kinder im Gefolge von Anregungsdefiziten in der frühen Kindheit berichten.


Zusammenfassung:

Frühe Sozialkontakte sorgen für einen "Sockel" vielfältiger Entwicklungsmöglichkeiten. Die Kinder lernen ihre Umwelt besser kennen, sie entdecken im sozialen Austausch, dass sie selbst etwas bewirken können (Verursacherkonzept), sie erwerben Bewältigungsstrategien im sozialen und emotionalen Bereich, sie lernen soziale Regeln. Wegen der großen Bedeutung der sozialen Interaktion und des Vorhandenseins eines sozialen Netzwerks für den Menschen fordert man heute ein verändertes Menschenbild; das traditionelle Menschenbild ist in unserem Kulturkreis stark individuumszentriert, die Handlungsfähigkeit des einzelnen Subjekts steht im Mittelpunkt; das Menschenbild sollte um die soziale Dimension erweitert werden; eine gesunde Entwicklung des Kindes ist auf vielfältige positive Sozialkontakte angewiesen (vgl. zum Menschenbild Keller 1997, S. 124 sowie zu Gehirnentwicklung und sozialen Beziehungen Bauer 2005). - Im 1. Abschnitt habe ich den Aufbau des intellektuellen Apparates sozusagen als Konstruktion dargestellt. Im 2. Abschnitt kam die soziale Dimension dazu, die Notwendigkeit des Mit-Menschlichen für die Entwicklung; man spricht deshalb auch von der sozial-kognitiven Entwicklung als einem Prozess der "Ko-Konstruktion".




3. Kinderbetreuung im Widerstreit

Ein Blick in die Geschichte der Kindererziehung zeigt, dass es nicht immer ausschließlich die Mutter war, die das Kleinkind betreut hat. In früheren Epochen waren an der Kleinkindbetreuung oft die Geschwister, die Großfamilie, die Nachbarn, die Sippe beteiligt. Auch für Deutschland gilt historisch gesehen (Lamb & Ahnert 2003): Die Betreuung des Kindes allein durch die Mutter ist eher selten; es werden auch Großeltern, Verwandte, Geschwister eingesetzt. Kulturvergleichende Studien in Südamerika und Afrika belegen, dass es beide Modelle gibt, mütterliche Betreuung und außerfamiliale Betreuung. Weisner & Gallimor (1977) untersuchten zehn Kulturen in den genannten Erdteilen; in vier dieser Kulturen wurden in 50 % der Zeit die Kleinkinder von anderen Personen als der Mutter betreut. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: "Um ein Kind richtig aufzuziehen, braucht man ein ganzes Dorf."

In Europa entstanden im Rahmen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert erste Kinderkrippen. Es waren überwiegend lediglich Bewahranstalten für Kinder von Arbeiterinnen, von Armen, von ledigen Müttern und von Prostituierten. In Italien und England wurden Kinderkrippen mit dem ausdrücklichen Ziel eingerichtet, Kinder von sozial Schwachen und von Erziehungsunfähigen zu betreuen.

Diese Vorgeschichte der Kinderkrippen wirkt vermutlich heute noch stark nach. Negative Einstellungen zur Kinderkrippe hängen wohl u. a. mit dem Bild von Einrichtungen für Kinder von armen Frauen und von "gefallenen Mädchen", die zur Arbeit gehen, zusammen ("Rabenmütter"). Dazu kommen Erkenntnisse über schwer verhaltensgestörte Heimkinder, sog. Hospitalismuskinder, die in viel zu großen Gruppen viel zu wenig Zuwendung erfuhren. Schließlich trugen auch Bilder von der kollektiven DDR-Krippenerziehung zum negativen Image außerfamilialer Kleinkindbetreuung bei.

Der Krippenerziehung wird der hohe Wert der Mutterschaft entgegen gehalten, durch den Ausbau der Krippenerziehung sieht man die Familienerziehung gefährdet und vor allem verweist man auf mögliche Nachteile für die Entwicklung der Kinder durch außerfamiliale Betreuung. Man muss aber auch sehen, dass durch den Nichtausbau der Krippenbetreuung eine Grauzone und ein z. T. wenig durchschaubarer Markt entstanden ist, auf dem es bei der Kinderbetreuung auch schlechte Qualität und Missstände gibt, was auch nicht zu einer positiven Einschätzung der Fremdbetreuung beiträgt. Durch die fehlende Institutionalisierung mangelt es an Standards für äußere Rahmenbedingungen (z.B. Ausstattung, Ausbildung der Betreuungspersonen) und an pädagogischer Qualitätskontrolle. Auch in den empirischen Krippenstudien in den USA ist immer wieder die Rede von Krippen mit schlechter Qualität.

Die Sorge um kindliche Entwicklungsstörungen bezieht sich hauptsächlich auf das sog. Bindungskonzept. Der Psychologe John Bowlby (1984) konzipierte die Bindungstheorie, die besagt, dass das Kind eine emotionale Bindung an eine Bezugsperson, vorzugsweise die Mutter, brauche, um Verhaltenssicherheit zu erwerben, um Schutz zu haben für den Aufbau von Bewältigungsstrategien und sog. Arbeitsmodellen (wie gehe ich mit Schwierigkeiten, mit Ängsten um?), um mit sicheren Rückzugsmöglichkeiten die Umwelt erforschen zu können. Tatsächlich wurde in vielen Studien gefunden: Kinder, die eine sichere Mutter-Kind-Bindung haben, erkunden die Umwelt aktiver, sie haben sozusagen eine Sicherheitsbasis, einen "Hafen", in den sie jederzeit zurückkehren können, wenn sie in der Umwelt und in der sozialen Mitwelt Probleme haben. Es wurde der "Fremde Situation-Test" entwickelt, mit dem man feststellen kann, ob ein Kind sicher gebunden ist oder nicht (man beobachtet im psychologischen Labor u. a., wie sich das Kind verhält, wenn die Mutter hinausgeht, eine fremde Person kommt, die Mutter zurückkehrt…). In mehreren Längsschnittuntersuchungen stellte sich heraus, dass Kinder, die im 1. Lebensjahr sicher gebunden sind, später im Kindergarten besser zurecht kommen, kompetenter im sozialen Umgang sind, weniger Verhaltensprobleme haben (Rauh 1995, S. 244).

Die frühe Krippenforschung schien zu bestätigen, dass Krippenkinder weniger Bindungssicherheit aufweisen und häufiger soziales Problemverhalten zeigen (vgl. Bensel 1994, Lamb & Ahnert 2003). Allerdings hatten die frühen Studien (vor allem in den USA) methodische Mängel:

Das psychologische Labor verfälscht die Ergebnisse, in Beobachtungen zu Hause verhielten sich die Kinder anders;
Krippenkinder begrüßen die Mutter im Labor wahrscheinlich deswegen nicht sicher gebunden, weil sie den Wechsel von Betreuungspersonen gewohnt sind;
bei den Krippenkinder handelte es sich damals noch um eine soziale Auslese, z.B. um Kinder aus Familien mit schlechten Erziehungsbedingungen;
die Qualität der Krippe wurde nicht erfasst; in den USA kehren die Mütter häufig schon im 1. Lebensjahr des Kindes in den Beruf zurück, die Kinder besuchten sehr früh die Krippe.

Im deutschen Tagesmütterprojekt der 1970er und 1980er Jahre waren keine Bindungsstörungen bei Kindern mit Fremdbetreuung durch Tagesmütter feststellbar (Laewen 1989, Textor 2000). Viel stärker als die Tagesbetreuung wirkten sich der Erziehungsstil der natürlichen Mütter, ihre Persönlichkeit und ihre Lebenssituation aus. Vor allem wenn die natürlichen Mütter durch Rollenunsicherheit zu kennzeichnen waren, hatten ihre Kinder mehr Bindungs- und Verhaltensstörungen.

Neuere Forschungsergebnisse zu Krippenerziehung und Bindung fasste Lieselotte Ahnert (2004) zusammen (ausführlich zur Krippenforschung im folgenden Abschnitt 5): Krippenkinder bewahren eindeutig eine vorrangige Mutter-Kind-Bindung; daneben entwickeln sie häufig eine Erzieherin-Kind-Bindung; auch diese "Zweitbindung" kann sicherheitsgebend sein. Ahnert untersuchte auch die DDR-Krippenerziehung vor und nach der Wende: Der Erziehungsstil wandelte sich von einer stark kollektiv ausgerichteten Erziehung nach der Wende zu einer stärker individuumsorientierten Erziehung; nach der Wende waren keine Unterschiede in der Bindungssicherheit zwischen Ost- und Westkindern zu verzeichnen.


Zusammenfassung:

Psychologen und Soziologen sprechen hinsichtlich der Erziehung von Kleinkindern von einer historischen Überbewertung der ausschließlich mütterlichen Betreuung. Zusätzliche Krippen- oder Tagesmutterbetreuung kann zusätzliche Entwicklungsimpulse geben. Im 1. Lebensjahr des Kindes ist die sichere Bindung mit einer kontinuierlichen Bezugsperson wichtig, ab dem 2. Lebensjahr kann der zeitweise Aufenthalt der Kinder bei einer Tagesmutter oder in einer Krippe weitere Lernerfahrungen eröffnen. Hüther (2004a) ist der Auffassung, dass diese sozialen Erfahrungen in der frühen Kindheit auch entwicklungsnotwendig sind. Er verwendet das schöne Bild von zwei Wurzelsystemen: Das Kind braucht einerseits eine "Tiefenwurzel", d.h. die emotionale Verankerung in einer sicheren Mutter-Kind-Bindung; andererseits tut dem Kind eine "Breitenwurzel" gut, d.h. es braucht soziales Wissen, ein soziales Netz, um auf dem felsigen Grund der sozialen Mitwelt zurecht zu kommen.





4. Neuere Entwicklungen der Kleinkindbetreuung in Deutschland und in Europa

Im November 2004 legte die OECD (vgl. Bundesministerium 2004a) den Bericht über frühkindliche Betreuung, Bildung und Erziehung in Deutschland vor. Die Hauptaussagen sind: Positiv zu bewerten ist die gute Qualität der Erziehungseinrichtungen für das Vorschulalter in Deutschland. Besonders erwähnt wird die ganzheitliche Sicht von Bildung, Betreuung und Erziehung. Dies gilt vor allem für die Kindergärten, die seit Fröbel eine gute pädagogische Tradition haben. Kritisiert wird dagegen die mangelhafte Ausstattung mit Kinderkrippen- und Tagesmütterplätzen in Westdeutschland. In Westdeutschland sind nur für 2,7 % der Kinder Betreuungsplätze vorhanden, in Ostdeutschland beträgt der Versorgungsgrad 37 %. Von der EU wird bis zum Jahr 2010 eine Versorgungsrate von 30 % angestrebt.

Vordergründig könnte man annehmen, dass die Betreuung der Kinder in (West-) Deutschland durch Familienerziehung gesichert sei. Diese Aussage ist allerdings zu relativieren, wenn man den Rückgang der Familiengründungen in Deutschland betrachtet: 1976 waren noch 72 % der Bevölkerung in Familien mit Kindern eingebunden, 2001 waren es nur noch 51 %; nur noch ein Drittel aller Haushalte sind gegenwärtig Familienhaushalte (Fthenakis u.a. 2003, S. 15). Die schlechte Krippenversorgung in Westdeutschland (etwa im Vergleich zu Frankreich) ist seit langem bekannt. Der Ansatz der meisten Vertreter der Frühpädagogik und der Bundesregierung (Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ministerin Renate Schmidt) ist es deshalb, beides voranzubringen, den Ausbau der Krippenbetreuung und die Familienförderung. Man erwartet sich, dass gerade durch mehr Krippen- und Tagesmütterplätze in Deutschland ein familien- und kinderfreundlicheres Klima entsteht, Familien und Frauen entlastet werden und dadurch die Bereitschaft von Paaren wächst, Kinder zu bekommen. Europäische Statistiken scheinen diesen Ansatz zu bestätigen.

Dänemark und Schweden stehen mit Quoten von 65 % und 48 % an der Spitze, am Ende der Skala befinden sich Griechenland, Spanien, Österreich, Italien und Westdeutschland. Aus Zeitgründen gehe ich auf weitere Ausdifferenzierungen in Deutschland nicht ein, z.B. die Einschränkung der Krippenbetreuung in Sachsen-Anhalt oder die jüngsten Verbesserungen in Rheinland-Pfalz (Plätze für 2-Jährige, Kostenfreiheit für die 5-Jährigen im Kindergarten).

Die Daten stehen hier in gewisser Weise im Einklang mit der vorigen Statistik; die skandinavischen Länder haben hohe Beschäftigungsquoten von Müttern mit Kindern unter sechs Jahren (73 %/78 %); Spanien (42 %) und Italien (46 %) bilden die Schlusslichter. In Deutschland beträgt die Quote 51 %. Aus Befragungen in Deutschland ist bekannt, dass die Frauen mit dem Betreuungsangebot unzufrieden sind; sie wünschen sich mehr Betreuungsplätze und flexiblere Zeiten der Betreuung; häufig wird über den Stress geklagt, wenn Kinder wegen elterlicher Berufstätigkeit oder in Notfällen untergebracht werden müssen. Auch die Frauen, die Kinder in fremder Betreuung haben, sind zu ca. 50 % unzufrieden und wünschen sich verbesserte Angebote (Süddeutsche Zeitung vom 10. 3. 2005; die Männer sind interessanterweise mit der Betreuung viel zufriedener, sie sind wahrscheinlich mit Betreuungsstress weniger konfrontiert).

Man sollte nun annehmen, dass die Länder mit geringen Quoten der Berufstätigkeit von Frauen und mit geringen Quoten an Betreuungsplätzen kinderfreundlicher sind und höhere Geburtenraten haben. Das Gegenteil ist der Fall.



Spanien und Italien stehen mit ihren Geburtenraten im europäischen Vergleich ganz am Ende (im Durchschnitt 1,22 Kinder je Frau bzw. 1,24 Kinder je Frau). Auch Deutschland steht ganz weit hinten: Wir hatten im Jahr 2000 nur eine Geburtenrate von 1,36 Kindern je Frau (2002: 1,31 - Süddeutsche Zeitung vom 12./13. 2. 2005). An der Spitze stehen Frankreich, die skandinavischen Länder und die Niederlande.

Es zeigt sich also ein paradoxer Zusammenhang: Je häufiger in einem Land die Frauen berufstätig sind, desto höher ist dort die Geburtenrate. In Island arbeiten ca. 90 % der Frauen, Island hat in Europa eine der höchsten Geburtenraten (1,93). Auch die Länder mit guter Ausstattung an Krippen- und Tagesmütterplätzen haben hohe Geburtenraten, z.B. die skandinavischen Länder. In Dänemark ist die Tagesmütterbetreuung besonders gut ausgebaut: 47 % der 2-Jährigen werden von Tagesmüttern betreut; 70 % der 3-Jährigen haben Plätze in Tageseinrichtungen (Bundesministerium 2004b); im Jahr 2002 betrug die Geburtenrate in Dänemark 1,72. Der Ansatz der Frühpädagogik und der Bundesministerin Schmidt scheint also zu stimmen: Außerfamiliale Betreuung ist familien- und kinderfreundlich (im Sinne von mehr Geburten). Als Erklärung wird die stärkere Zufriedenheit der Frauen und der Familien angeführt; die Zufriedenheit nimmt zu, wenn die Organisation des Alltags in den Familien durch außerfamiliale Betreuung funktioniert und wenn die Frauen durch die Berufstätigkeit bessere Perspektiven haben; die Paare getrauen sich offensichtlich vor diesem Hintergrund, zwei und mehr Kinder zu bekommen.

Allerdings ist eine kausale Zusammenhangskette "Berufstätigkeit/Krippenplätze - Zufriedenheit - Kinderfreundlichkeit/Geburtenrate" in der empirischen Forschung nicht belegt; es können auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen (z.B. die materielle Absicherung der Familien mit zwei und mehr Kindern).

In der familienpolitischen Diskussion werden fünf Gründe für den Ausbau der Kleinkindbetreuung durch Krippen und durch Tagesmütter genannt:

1. Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Bei der Mehrzahl der Frauen besteht heute der Wunsch, in ihre Identität die Berufstätigkeit zu integrieren. Sie haben ein Selbstbild und einen eigenständigen Lebensentwurf, zu dem auch der Beruf gehört. Sie wünschen sich aber auch Familie und Kinder. Besonders von Akademikerinnen ist bekannt, dass bei ihnen die Berufsausübung (häufig nach einer langen und anspruchsvollen Ausbildung) einen hohen Stellenwert einnimmt.
In vielen Familien ist die Erwerbstätigkeit der Mütter ökonomisch notwendig.

2. Familiale Zufriedenheit

Selbstverständlich gibt es viele Frauen, die sich mit der Hausfrauen- und Mutterrolle ausgefüllt und zufrieden fühlen. Statistiken besagen jedoch, dass viele nicht berufstätige Mütter mit ihrer Rolle unzufrieden sind: Nur 23 % der Mütter mit Kindern in Westdeutschland sind freiwillig nicht berufstätig, in Ostdeutschland sind es nur 4 % (Fthenakis u. a. 2003, S. 20).

In vielen Städten gibt es lange Wartelisten für die Aufnahme von Kleinkindern in Krippen. In Großstädten melden Mütter ihr Kind in mehreren Tageseinrichtungen an (z. T. mit Bewerbungsverfahren!), um einen Platz zu ergattern.

Bei einer Befragung zu den Beschäftigungsmodellen "Vater Vollzeitarbeit/Mutter nicht beschäftigt", "Vater Vollzeit/Mutter Teilzeit" und "Vater Vollzeit/Mutter Vollzeit" antworteten in Deutschland sehr viele Paare, sie würden lieber nach dem 2. oder 3. Modell beschäftigt sein, faktisch ist in Deutschland aber das 1. Modell am häufigsten (Fthenakis u. a. 2003, S. 56). In den Niederlanden ist das 2. Modell ganz stark verbreitet und die Paare sind damit zufrieden. Analoges gilt für das 3. Modell in Schweden (die Niederlande und Schweden haben viel höhere Geburtenraten als Deutschland!).

Zur Familienzufriedenheit gehört auch die wirtschaftliche Absicherung; Familien mit mehreren Kindern haben bekanntlich ein Armutsrisiko. Frauen tragen in Deutschland mit 35 % zu den Familieneinkommen bei. Zur Familienförderung gehört, dass Frauen nach der Erziehungszeit ohne Betreuungsstress wieder berufstätig sein können.

3. Geburtenrate

Deutschland hat im europäischen Vergleich und weltweit gesehen eine der niedrigsten Geburtenraten. Ein Grund unter vielen ist die niedrige Ausstattung mit Betreuungsplätzen. Frauen befürchten, wenn sie Kinder bekommen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Es gibt Beispiele dafür, dass Firmen die Arbeitsplatzgarantie nach der Erziehungszeit mit Versetzungen u. ä. unterlaufen.

63 % der Bevölkerung in Deutschland wünschen sich mehr Betreuungsplätze und glauben, dass mehr Betreuungsplätze die Geburtenrate günstig beeinflussen (Bundesministerium 2004c).


4. Alleinerziehende

Alleinerziehende sind am meisten auf Betreuungsplätze angewiesen. Alleinerziehende haben ein hohes Armutsrisiko, vor allem natürlich, wenn sie keiner Berufstätigkeit nachgehen können. Unter den Sozialhilfeempfängern gibt es in Deutschland ca. 340.000 Alleinerziehende. Alleinerziehende brauchen bezahlbare und flexible Betreuungsangebote.


5. Neues Verständnis der Kindheit

Wie in den beiden ersten Abschnitten ausgeführt, betont die Pädagogik (und die Gehirnforschung) heute verstärkt die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Lernens in der frühen Kindheit und den Bildungsauftrag in der Vorschulzeit. Bei der Einschulung werden bei vielen Kindern kognitive, sprachliche und soziale Defizite festgestellt. Dies gilt vor allem für Kinder aus sozial schwachen Familien und aus Migrantenfamilien. Ausgerechnet die Kinder aus diesen Gruppen sind im Kindergarten weniger stark vertreten: Auf die Gesamtbevölkerung gesehen gehen ca. 90 % der Kinder in den Kindergarten, aus den sozial schwachen Familien sind es nur 64 %. Ein Einstellungswandel in der Öffentlichkeit zum frühen Lernen in der Kindheit und konkrete Maßnahmen zur Förderung könnten familiale Erziehungsdefizite ausgleichen.


Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (seit 1. 1. 2005)

Das Ziel dieses Gesetzes ist es, quantitativ die Zahl der Betreuungsplätze in Krippen und bei Tagesmüttern auszubauen. Ein Anspruch auf Betreuungsplätze ist nicht formuliert, jedoch soll das Angebot bedarfsgerecht sein. Das Gesetz spricht aber auch mehrfach qualitative Verbesserungen an: Erfordernis einer pädagogischen Konzeption, bessere Ausbildung der Betreuungspersonen, Fortbildung, gezielte Auswahl von geeigneten Personen, Evaluation.

Es werden konsensfähige Erziehungsziele genannt: die Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit, die Förderung der sozialen, emotionalen, körperlichen und geistigen Entwicklung, die Vermittlung orientierender Werte und Regeln.

Die Bundesregierung stellt jährlich 1,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Tagesbetreuung zur Verfügung. Die Ausbauziele lauten: von 60.000 Plätzen im Jahr 2004 auf 120.000 Plätze im Jahr 2006 und auf 230.000 Plätze im Jahr 2010. 30 % der Plätze sollen bei Tagesmüttern angesiedelt sein.

Die Umsetzung dieser Ziele wird den Kommunen übertragen. Es muss sich erst zeigen, ob in der Praxis eine qualitativ hoch stehende Betreuung, Bildung und Erziehung der Kinder gelingt.





5. Ergebnisse der Krippenforschung

Seit den 1970er Jahren - damals im Rahmen des Tagesmütterprojekts - wurden immer wieder schwere Bedenken gegenüber der Berufstätigkeit von Müttern und gegenüber Fremdbetreuung von Kleinkindern erhoben (bis hin zu monokausalen Katastrophisierungen der gesellschaftlichen Situation). Wenn die Mutter in den ersten Lebensjahren des Kindes abwesend sei, könne keine Mutter-Kind-Bindung entstehen, durch mangelnde Bindung komme es zu Verhaltensunsicherheit und zu vielfältigen Entwicklungsstörungen. Es müsse die natürliche Mutter sein, die in den ersten Lebensjahren das Kind betreut (Maternalismusthese), und diese Mütterarbeit müsse gesellschaftlich anerkannt und im Sinne eines eigenen Berufsbildes (z.B. "Kommunikatorin") materiell gesichert werden.

Auf die frühe Krippenforschung und ihre methodischen Probleme bin ich vorher schon eingegangen. Im Folgenden stelle ich die Ergebnisse von vier neuen, z.T. groß angelegten, Forschungsprojekten dar.


In dieser Untersuchung wurden 76 Kinder von der Geburt bis zum Ende des 2. Lebensjahres beobachtet. 54 Kinder davon besuchten verschiedene Krippen. Der Krippenbesuch beeinträchtigte nicht die Mutter-Kind-Beziehung, die Krippenkinder entwickelten überwiegend eine sichere Mutter-Kind-Bindung. Der Zeitpunkt des Eintritts in die Krippe spielte keine Rolle (6. Monat oder 12. Monat). Dieses Ergebnis ist überraschend, da in den USA festgestellt wurde, dass Krippenbesuch im 1. Lebensjahr Risiken mit sich bringt.

Die Art der Eingewöhnung hatte einen Einfluss: Wenn Mütter in den ersten Tagen des Krippenbesuchs nicht anwesend waren, kam es zu Schwierigkeiten.

Kinder mit guter Mutter-Kind-Bindung quengelten zunächst häufig, waren aber nach vier Wochen fröhlich und aufgeschlossen. Kinder mit schlechter Mutter-Kind-Bindung waren zuerst neugierig, nach ca. vier Wochen waren sie belastet und hatten Schwierigkeiten beim Spielen und bei Sozialkontakten.


Mutter-Kind-Bindung: Sicher gebundene einjährige Kinder haben weniger Eingewöhnungsschwierigkeiten als unsicher gebundene zweijährige Kinder. Schlechte Qualität von Krippenbetreuung wirkt sich negativ aus. Gute Qualität von Krippenbetreuung kann Entwicklungsdefizite der Kinder und Erziehungsschwächen in der Familie ausgleichen.




In diesem Großprojekt in den USA werden 1100 Kinder aus 10 verschiedenen Regionen seit ihrer Geburt untersucht. Bis jetzt liegen Auswertungen bis zum 7. Lebensjahr vor. Es handelt sich um eine methodisch sehr anspruchsvolle Untersuchung. Verschiedenste Betreuungsformen werden einbezogen. Frühere methodische Fehler, z.B. die Überrepräsentation von Kindern aus schwierigen Verhältnissen in Krippen oder die Vernachlässigung der Qualität der Krippen, werden vermieden.

Die Befürchtung, Fremdbetreuung führe zu gestörter Mutter-Kind-Bindung, bestätigt sich nicht. Merkmale der außerfamilialen Betreuung allein (Qualität, Umfang, Eintrittsalter, Stabilität) haben keinen Einfluss auf die Bindung. Wenn jedoch ungünstiger Erziehungsstil der Mutter und schlechte Fremdbetreuungsqualität zusammenkommen, zieht dies unsichere Bindung nach sich (NICHD 1997).

Die Art der Betreuung (Fremdbetreuung oder ausschließlich mütterliche Betreuung) ist für die Bindungsentwicklung weitgehend unerheblich, d.h. es macht keinen Unterschied, ob das Kind nur von der Mutter, daneben auch vom Vater, von einem Kindermädchen, von einer Tagesmutter oder in einer Kindertagesstätte betreut wird (NICHD 1997).

Das wichtigste Ergebnis in allen Einzelstudien: Unabhängig von den Betreuungsformen erweist sich die Sensibilität der Mutter als mächtigster Erklärungsfaktor. Mütter, die feinfühlig sind, die auf Bedürfnisse des Kindes eingehen, die zugewandt und liebevoll mit dem Kind umgehen, die das Kind anregen und angemessen mit ihm interagieren, haben Kinder mit einer gesunden Entwicklung. Mangelnde Sensitivität hat negative Folgen, vor allem in Verbindung mit mangelnder Sensitivität einer anderen Betreuungsperson.

Was das Sozialverhalten betrifft, liegen widersprüchliche Ergebnisse vor: In der NICHD-Studie 1998 bis zum 3. Lebensjahr der Kinder hat die Art der Betreuung keinen Einfluss auf Sozialkompetenz und Problemverhalten (z.B. Rückzug, Stören) (gute Qualität der Fremdbetreuung wirkt sich positiv aus). In der NICHD-Studie 2003 (Alter der Kinder 4 1/2 Jahre) zeigt sich ein anderes Ergebnis; die Dauer der Fremdbetreuung spielt nun eine Rolle: Kinder, die länger als 30 Stunden pro Woche in Fremdbetreuung waren, hatten mehr Problem- und Konfliktverhalten als Kinder, die weniger als 10 Stunden pro Woche fremdbetreut waren. Problemverhalten hing auch mit mangelnder Sensitivität der Mutter und dem sozioökonomischen Status der Familie zusammen.

Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung (z.B. Gedächtnis), auf die Sprachentwicklung und auf vorschulische Fertigkeiten (z.B. Buchstaben- und Zahlenkenntnis): Hier waren positive Entwicklungen zu beobachten, wenn die Qualität der Betreuung hoch war oder über die Jahre zunahm, unabhängig von Umfang und Art der Betreuung. Jedoch war in diesen Bereichen der Besuch einer Kindertagesstätte/Krippe besonders förderlich. Außerdem war der elterliche Erziehungsstil und der sozioökonomische Status der Familie bedeutsam. Sehr hohe Qualität hatte in den Entwicklungsbereichen eine kompensatorische Wirkung

Lieselotte Ahnert hat in der DDR schon vor der Wende die Entwicklung von Krippenkindern untersucht. Nach der Wende erforschte sie Veränderungen im Erziehungsstil der Betreuerinnen und nahm Vergleiche mit Westdeutschland vor (s. 3. Abschnitt). Sie trug in ihren Schriften viele internationale Ergebnisse zusammen. Der Besuch einer Kindertagesstätte ist kein Nachteil für eine intensive Mutter-Kind-Bindung und für die Entwicklung der Kinder. Eltern, deren Kind eine Kinderkrippe besucht, sind ähnlich sensibel in ihrem Erziehungsverhalten wie Eltern, deren Kind nicht in einer Krippe ist.

Die Erzieherin in der Krippe stellt für die Kinder keine Ersatzmutter dar; sie hat andere Funktionen; das Kind lernt, dass die Erzieherin auch für andere da ist; die primäre Mutter-Kind-Bindung bleibt erhalten. Die Krippe ist eine Entwicklungsherausforderung im sozialen Bereich. Durch Kontakte mit anderen Kindern wird die Sozialkompetenz gefördert. In neuen Situationen sind Krippenkinder nicht mehr gestresst als Kinder, die ausschließlich von der Mutter betreut werden. Die Eingewöhnung in den regelmäßigen Krippenbesuch sollte beachtet werden: Sie ist weniger belastend, wenn am Anfang die Mutter noch mehrfach anwesend ist und wenn die tägliche Aufenthaltsdauer langsam gesteigert wird.

Zum Schluss möchte ich kurz auf einen Aspekt eingehen, der in der Diskussion um außerfamiliale Kinderbetreuung oft übersehen wird: Mütter und Väter können durch die Einbindung in eine Kindertagesstätte oder die aktive Mitwirkung in einem Familienzentrum für ihre Erziehungseinstellungen und ihr Erziehungsverhalten Nutzen ziehen. In einer Studie des Deutschen Jugendinstituts äußerten Eltern, dass sie nach der Geburt eines Kindes oft unsicher seien. "Sie wünschen sich nicht nur 'Orte für Kinder', sondern auch 'Orte für Eltern'. Gemeinsame Wochenenden und Gesprächskreise könnten Eltern die Möglichkeit eröffnen, Hilfsnetze zu knüpfen und den eigenen Lebenskreis und somit den ihrer Kinder zu erweitern" (Seehausen 1995, S. 10). Manche Kinder- oder Familienzentren bieten vielfältige Informationen zur kindlichen Entwicklung und zu Erziehungsthemen an, z.B. Gehirnentwicklung, Erziehungsstil, Spielförderung. Man kann sich vorstellen, dass durch Erfahrungsaustausch und Informationen Verbesserungen im Erziehungsverhalten, besonders in Familien mit erheblichen Erziehungsdefiziten, erreichbar sind. Ahnert (2002, S. 7) berichtet von Müttern, die vor und nach dem Besuch des Kindes in der Kindertagesstätte sich besonders um gute Betreuung bemühten. Laewen (1989, S. 879) zitiert amerikanische Studien, nach denen bei Vorhandensein öffentlicher und nachbarschaftlicher Kinderbetreuung sogar Kindesvernachlässigung und Kindesmissbrauch abnahmen.

In den neuen frühpädagogischen Ansätzen wird eine "Erziehungspartnerschaft" von Eltern und professionellen Betreuungspersonen gefordert, damit gemeinsam Entwicklungsschwierigkeiten der Kinder erkannt und die Erziehungsmethoden aufeinander abgestimmt werden. Eine koordinierte und qualifizierte Betreuung und Förderung durch Eltern und Erzieherinnen bzw. Tagesmütter hat positive Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder

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