Gedanken für meine Prinzessin
Taufe 04.12.2005
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Kinder werden nicht gefragt
Wie gut, dass es Oma und Opa gibt!
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Glaube, noch Zeitgemäß?
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Wie können Eltern die Konzentrationsfähigkeit ihre
Wie können Eltern ihren Kindern beim Spracherwerb
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Kindergedichte
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Abends ein altes Märchen vorlesen - warum nicht:
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Bommel Brummbär und sein Freund Ferdy
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Frosch Frederiks Geburtstag!
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Bewegung soll dazu beitragen, dass Kinder klug werden?

Wer sich mit der Thematik noch nicht befasst hat, ist vielleicht irritiert und denkt sich: was soll Intelligenz denn mit Bewegung zu tun haben? Entweder ist jemand klug, oder er ist ein Sportler oder im günstigen Fall auch beides, aber das ist dann doch Zufall, oder?

Weit gefehlt! Körperlich geschickte Kinder können ihre Bewegungen gezielt einsetzen und sind in der Lage, bestimmte Körperteile bewusst und nach bestimmten Regeln zu bewegen. Oft werden Kinder, die nur eines können, nämlich toben, bis sie erschöpft umfallen, fälschlicherweise als motorisch geschickt angesehen. Mir passiert es immer wieder, dass Eltern, die ich auf Bewegungsdefizite ihrer Kinder hinweise, ganz entgeistert sind und mir entgegenhalten: "Aber unser Hansi bewegt sich, seit er laufen kann, den ganzen Tag. Der rennt nur herum und kann überhaupt nicht stillsitzen. Also, wenn sich der nicht bewegen kann, dann verstehe ich gar nichts mehr."

Dabei haben diese Eltern den springenden Punkt bereits angesprochen: Der Hansi rennt nur herum und kann nicht stillsitzen. Natürlich kann er sich bewegen, aber er kann seine Bewegungen nicht steuern, beherrschen und schon gar nicht bremsen.

Das sind die Kinder, für die Galopp die langsamste Gangart ist, die andere Kinder umstoßen, weil sie sich im vollen Lauf nicht bremsen können, die selbst beim Essen unruhig hin und her wetzen und nur darauf warten, dass sie wieder durchstarten können. Diese Kinder sind nicht Herr über ihre Bewegungen, sondern sie werden von ihren Bewegungen beherrscht.


Steuerung, Kontrolle und bewusstes Einsetzen heißen die Schlagworte für eine gute Bewegungsentwicklung.

Wenn wir uns nun vor Augen halten, welches Organ gezielte Bewegungen steuert und welches Organ beim Denken und Lernen im Einsatz ist, dann lautet die Antwort beide Male: die Großhirnrinde, der Neocortex. Das ist die einige Millimeter dicke, ca. 50x50 cm große Oberfläche unseres Gehirns, die in vielen Windungen zusammengefaltet ist, damit sie überhaupt unter unserer Schädeldecke Platz hat.

Dieser obere Teil unseres Gehirns ist es, der uns zu Menschen macht. Kein anderes Lebewesen außer uns hat ihn. Kontrollierte und bewusst gesteuerte Bewegungen werden über die Großhirnrinde zunächst einmal gelernt. Später, wenn wir manche Bewegungen so gut automatisiert haben, dass wir sie einfach können, ohne noch über sie nachzudenken, übernehmen andere Gehirnbereiche die Kontrolle. Das ist dann der Fall, wenn wir tanzen oder Rad fahren können und in der Lage sind, uns nebenbei auch noch zu unterhalten. Aber zunächst einmal wird über die Großhirnrinde gelernt, wie's geht.

Wer seine Bewegungen nicht steuern kann, sondern unkontrolliert einfach zappelt oder herumflitzt, hat nicht die Großhirnrinde zum Lernen benutzt, sondern bewegt sich aus einem Gehirnbereich heraus, der auch die Strampel- und Zappelbewegungen eines Säuglings in Gang setzt: aus den sogenannten subcorticalen Regionen, also aus Gehirnbereichen, die unter dem Cortex, der Großhirnrinde, liegen.


Ein gut funktionierendes Gehirn - eine Datenautobahn

Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir ein "ungeordnetes" Gehirn, ohne ausgeprägte Strukturen. Jeder Mensch, egal, ob er sich zu einem Genie entwickelt oder kaum in der Lage ist, das Lesen und Schreiben zu erlernen, hat von Anfang an eine bestimmte Zahl von Nervenzellen - Neuronen - in seinem Nervensystem: Es sind 100 Milliarden. Nicht die Anzahl der Nervenzellen macht uns klug oder dumm. Es sind einzig und allein die Verbindungen zwischen ihnen, die unser Denken anspruchsvoll und flexibel oder simpel und schwerfällig machen.

Intelligenz ist die Fähigkeit, Fakten, die im Gehirn gespeichert sind, miteinander zu verknüpfen und auf diese Weise Ergebnisse aller Art zu erzielen. Ob das nun die Antwort auf eine mathematische Aufgabenstellung ist oder das Übersetzen eines Textes in eine andere Sprache oder das Wiedererkennen bestimmter Pflanzen oder Tiere: Immer werden Daten miteinander verknüpft. Wir können uns das so vorstellen: Es ist, als säßen in unserem Gehirn in verschiedenen Büros verschiedene Spezialisten. Jeder dieser Spezialisten verwaltet nun diejenigen Daten, die ihm vom "Chef" zugeteilt sind. An einem einfachen Beispiel kann das deutlich gemacht werden:

Folgende Einzeldaten werden von unserem Wahrnehmungssystem im Gehirn abgeliefert:
Es ist 17.45 Uhr.
Die Geschäfte schließen um 18.00 Uhr.
Die Druckerpatrone an Ihrem Computer ist soeben leer geworden.
Die von Ihnen benötigte Patrone hat die Nummer ...
Sie müssen noch heute Abend dringende Korrespondenz erledigen.
Ihr Auto ist beim Kundendienst.
Mit dem Fahrrad brauchen Sie eine Viertelstunde in die Stadt.
Ihr Mann hat gerade aus dem Büro angerufen, dass er noch in den Gemüseladen geht.
Neben dem Gemüseladen ist ein Computerzentrum
Ihr Mann nimmt immer sein Handy mit.
Die Handynummer Ihres Mannes ist ...

Jede der hier aufgeführten Informationen hilft Ihnen für sich alleine nicht weiter. Das Wissen, dass Ihr Mann im Gemüseladen ist, kann Ihr Problem nicht lösen. Auch die Patronennummer oder die Ladenschlusszeit alleine helfen Ihnen nicht weiter und schon gar nicht das Bewusstsein der Tatsache, dass Ihr Auto beim Kundendienst ist oder dass Sie heute unbedingt noch Korrespondenz erledigen müssen.

Erst die Verknüpfung all dieser Daten lässt in Ihrem Kopf ein vernünftiges Handlungskonzept entstehen: Sie werden Ihren Mann auf dem Handy anrufen und ihn bitten, Ihnen die besagte Patrone aus dem Computerzentrum, das so praktisch neben dem Obstladen liegt, mitzubringen. Es hat ja keinen Sinn, selbst aufs Rad zu steigen, denn in der Viertelstunde, die Ihnen bis zum Ladenschluss noch bleibt, werden Sie es nicht schaffen, in die Stadt zu fahren und rechtzeitig im Computerladen zu sein.

Bereits bei der Lösung dieses einfachen Problems ist eine Denkstruktur nötig, die zusammenpassende Daten sinnvoll verknüpft und daraus eine Schlussfolgerung zieht, die wiederum zu effektivem Handeln befähigt.

Was Eltern deshalb an erster Stelle interessieren sollte, ist die Frage: Wie kann man aus dem mehr oder weniger ungeordneten Haufen von Nervenzellen eine leistungsstarke Datenautobahn machen, auf der die verschiedenen Spezialisten im Gehirn ihre Informationen schnell und wirkungsvoll austauschen und verknüpfen können?


Am Anfang steht die Bewegung

Jeder von uns hat schon einmal folgende Erfahrung gemacht: Es ist sehr mühsam, die Anfangsgründe von etwas zu erlernen, das einem bis dahin fremd war. Hat man aber einmal gewisse Hürden überwunden und erste Erfolge erzielt, dann geht es mit dem Lernen immer schneller und man muss später für komplizierte geistige Neuanschaffungen weniger Zeit und Energie aufwenden als am Anfang für die ersten, mühsamen Schritte. So ist es zum Beispiel für manchen Küchenanfänger zunächst einmal schwierig, Zwiebeln zu hacken, eine Roulade zu formen oder eine Scheibe Leberkäse richtig abzubräunen. Mit dem Tun steigen Kompetenz und Geschicklichkeit. Für den erfahrenen Koch sind selbst gefüllte Stubenküken, eine Creme Bavaroise oder ein original italienisches Vitello tonnato zwar vielleicht aufwendig, aber nicht schwierig.

Unser Gehirn muss, bevor es richtig "losdenken" kann, ebenfalls erst einmal anfängliche Hürden überwinden. Es müssen - bildlich gesprochen - Straßen im Gehirn angelegt werden. Da aber dem Säugling gerade das noch nicht möglich ist, was für unser Gehirn als Trainingseinheit am nützlichsten wäre, nämlich: Denken, Denken, Denken, müssen wohl andere Möglichkeiten existieren, hierfür die nötigen Grundlagen zu schaffen.


Die Bedeutung der frühkindlichen Reflexe

Um zu verstehen, wie einfach und genial die ersten Strukturen im Gehirn entstehen, müssen wir kurz die Wirkungsweise der frühkindlichen Reflexe betrachten. Ein Säugling kann sich noch nicht gezielt bewegen. Die Kontrolle über die Muskulatur wird erst nach und nach erworben. Es bewegen sich aber Säuglinge von Anfang an, das wissen alle Eltern. Diese frühkindlichen Bewegungen sind jedoch unkontrolliert und von Reflexen gesteuert. Ein Säugling schließt, wenn er eine Berührung an der Handfläche spürt, die Finger. Er greift aus einem Reflex heraus zu. Dieser Greifreflex bewirkt, dass eine grundlegende und wichtige Bewegung, nämlich das Schließen der Finger um einen Gegenstand, oft und oft geübt wird. Es entstehen Strukturen im Gehirn, die eine bestimmte Bewegungsabfolge so gut einüben, dass sie irgendwann einfach "da" ist, auch dann, wenn der Reflex nicht mehr vorhanden ist.

Über Reflexe lernt der Säugling in den ersten 6 Lebensmonaten eine Reihe wichtiger Bewegungsmuster, die - siehe oben! - im Gehirn die ersten Strukturen verankern. Natürlich bleibt die Entwicklung nicht dabei stehen, dass wir nur das tun können, was über Reflexe ausgelöst und somit auch nicht dem Willen unterworfen ist. Das Ziel der Entwicklung ist der denkende Mensch, der seinen Bewegungsapparat gezielt und kontrolliert gebrauchen kann, der in der Lage ist, sich zu orientieren, Neues zu lernen und Probleme durch Denken zu lösen.

Deshalb verliert das Kind, das sich gesund entwickelt, den größten Teil seiner frühkindlichen Reflexe im Alter von ca. 6 Monaten. Um beim Beispiel des Greifreflexes zu bleiben, heißt das: Das Muster "Zugreifen" hat das Kind nun in seinem Gehirn gespeichert. Damit es aber willentlich zugreifen kann, muss es auch wieder loslassen können. Erst dann kann es Gegenstände von Ort A nach Ort B transportieren und sie dort ablegen. Deshalb muss der Greifreflex dann, wenn er seine Aufgabe erfüllt hat, verschwinden. Nun erst lernt das Kind, mit Gegenständen zu hantieren. Dieses Greifen verschiedener Gegenstände, das Erfahren ihrer Eigenart durch den Tastsinn, ist die eigentliche Grundlage des Be-Greifens, wie unsere Sprache es so deutlich und bildhaft ausdrückt.

Allerdings sind die Grundlagen für Lernfähigkeit nicht allein mit dem Ertasten und Erfühlen der Umwelt gegeben. Das ist nur ein Teil des Ganzen. Frühkindliche Reflexe bahnen auch diejenigen Strukturen im Gehirn, die nötig sind, damit das Kind seine Umwelt durch Bewegung erfahren kann: zuerst, indem es krabbelt und später, indem es in dieser seiner Welt aufrecht geht. Dabei macht es Erfahrungen, die ihm helfen, ein räumliches Bezugssystem in seinem Gehirn aufzubauen.



Das räumliche Bezugssystem im Gehirn

Unter einem intakten räumlichen Bezugssystem verstehen wir, dass das Kind Richtungen einordnen und sich in ihnen orientieren kann: Was ist vorne und hinten, oben und unten, rechts und links? Kinder, die das nicht können, haben später Probleme beim Rechnen, häufig auch beim Lesen und Schreiben. Bevor auf diese Zusammenhänge weiter eingegangen wird, will ich das räumliche Bezugssystem noch näher erläutern.

Wir haben drei Ebenen, die festlegen, wo sich etwas befindet: Die Senkrechte, die uns bestimmen hilft, in welcher Höhe oder wie hoch etwas ist; die Waagrechte, die uns bestimmen lässt, wie weit "hüben oder drüben" sich etwas befindet und die Sagittale, die unsere Tiefenwahrnehmung steuert. Von diesen drei Achsen ist nur eine einzige absolut gültig, unabhängig davon, wo wir uns befinden und wie unser Körper ausgerichtet ist: Das ist die Senkrechte. Die Richtungen Oben und Unten werden auf der Erde definiert durch die Schwerkraft. Wenn ich einen Gegenstand in der ausgestreckten Hand halte und dann loslasse, fällt er in Richtung zum Erdmittelpunkt, nach unten. Das bewirkt die Schwerkraft. Die dem Erdmittelpunkt entgegengesetzte Richtung ist oben. Auf dieser Achse fällt die Orientierung leicht. Wir sind ständig der Schwerkraft ausgesetzt, müssen uns gegen sie behaupten und können deshalb ohne großes Nachdenken sagen, wo unten ist.

Ganz anders sieht die Sache schon aus mit der Sagittalebene, also der Achse vorne - hinten. Was vorne und hinten ist, kann niemals allgemein gültig festgelegt werden, sondern es hängt ab vom Standpunkt und der Ausrichtung des jeweiligen Individuums. Betrete ich durch ein Tor einen Park mit einer Allee, die direkt auf ein Schloss zuführt, so habe ich das Tor hinter mir und das Schloss vor mir. Kommt mir jemand entgegen, so hat dieser das Schloss hinter sich und das Tor vor sich. Ein Streit, wo denn nun was sei, wäre hier müßig, denn jeder kann nur unter seinem Aspekt urteilen und somit hat auch jeder zwar für sich Recht, aber nicht für den Anderen.

Noch schwieriger ist es, sich auf der Rechts-Links-Ebene zurechtzufinden. Unsere vordere und die hintere Körperseite unterscheiden sich deutlich voneinander. Wo aber liegen die Unterschiede zwischen Rechts und Links? Unser Körper ist durch eine imaginäre senkrechte - genauer gesagt: sagittale - Ebene in zwei symmetrische Hälften geteilt. Sie unterscheiden sich nicht wesentlich. Deshalb fällt es gerade Kindern mit Lernproblemen so schwer, die beiden Richtungen Rechts und Links auseinander zuhalten.


Räumliche Orientierung und Lernfähigkeit

Mathematik und Raum

Da wir die Richtungen im Raum - außer oben und unten - nur im Verhältnis zu unserem Körper bestimmen können, ist unser Körper eine Art Bezugssystem für die Orientierung im Raum. Deshalb ist es so wichtig, dass Kinder zuerst einmal mit ihrem Körper vertraut sind, seine Teile benennen können und wissen, was eher oben (z.B. Scheitel, Stirn, Augenbrauen) und was eher unten ist (z.B. Kniekehle, Ferse, Zehen).

Die Orientierung am eigenen Körper ist die Voraussetzung dafür, dass wir uns im Raum orientieren können.

Nur wer dort rechts und links, vorne und hinten, oben und unten findet, kann dieses Wissen auch anwenden, wenn er seinen Blick oder seine Bewegungen in eine bestimmte Richtung lenken soll. Das kommt uns selbstverständlich vor, ist es aber bei weitem nicht. Kinder mit Lernproblemen haben größte Schwierigkeiten, Anweisungen zu befolgen wie zum Beispiel: Hole von vorne eine rote Kreide und lege sie unter dem großen Stuhl ab.

Wenn Kindern nun rechnen lernen, dann beginnen sie zuerst mit der "primitivsten" mathematischen Tätigkeit, dem Zählen. Zählen ist als grundlegende Fähigkeit wichtig. Es darf aber in seiner Bedeutung nicht überschätzt werden. Wer zählt, kann noch lange nicht rechnen. Wenn Kinder eine einfache Plusaufgabe lösen sollen und das nur auf dem Umweg über das Zählen können, dann werden sie beim Umgang mit größeren Zahlen Schiffbruch erleiden. Es ist etwas grundsätzlich Anderes, ob ein Kind die Aufgabe "vier und drei" durch Zählen oder durch Rechnen löst.

Zählen geht so: vier und drei = vier, fünf, sechs, sieben = sieben!

Denkendes, be-greifendes Lösen, also Rechnen, geht so: 4 +3 =
4= X X X X
3= O O O
Also: X X X X O O O = 7!

Wer die Aufgabe 4+3 oft durch das Legen von Material gelöst hat, baut innere Bilder von Zahlengliederungen auf und kann diese Bilder später auch in andere Rechnungen einbauen.

Wer aber immer nur abzählt, muss das bei jeder Aufgabe aufs Neue tun. Diese Kinder haben zwar irgendwann auch Ergebnisse auswendig zur Verfügung, haben aber keine Vorstellung, was sie denn nun eigentlich "gerechnet" haben.

Kinder, die Zahlen wirklich be-greifen, können diese auf verschiedene Weise gliedern. Sie können die Zahl 7 zum Beispiel in folgende Häufchen zerlegen:

X X O O O O O oder X O O O O O O oder O O O O X X X

Um Zahlen im Kopf auf verschiedene Häufchen zu verteilen, muss ich mir jedoch vorstellen können, dass ich diese an verschiedenen Orten ablege. Das heißt, ich muss mir ein inneres Bild von irgendeinem Raum machen können. Die Ordnung im Kopf, die dafür nötig ist, kann nur entstehen, wenn das Kind sich einen Raum vorstellen kann, in dem es seine Zahlen verteilt, gruppiert und zu neuen Gruppen zusammenschiebt.

Die Voraussetzung für diese mathematische Grundfähigkeit des Ordnens und Gliederns im Kopf ist eine positive Bewegungsentwicklung, die es dem Kind ermöglicht, seine Umgebung möglichst ungehindert und frei zu erforschen. So kann es einen Ordnungsrahmen aufbauen, der ihm später das "echte" Rechnen ermöglicht.


Raumorientierung und Lesen und Schreiben

Lesen und Schreiben erfolgen nicht im dreidimensionalen Raum, sondern auf einer zweidimensionalen Fläche, auf dem Papier der Hefte und Bücher. Damit dieser "Schriftspracherwerb", wie es in der Fachsprache heißt, ohne Hindernisse erfolgen kann, sind einige grundlegende Fähigkeiten nötig.

Beim Lesen und Schreiben muss das Kind sich auf dem flachen, zweidimensionalen Medium "Papier" orientieren, obwohl es in seiner Kleinkindzeit doch hauptsächlich mit echten, dreidimensionalen Dingen zu tun hatte. Es muss sich außerdem noch mit höchst abstrakten Symbolen beschäftigen.

Da wird behauptet, einige Striche, die auf diese Weise zusammengefügt sind: A,
würden aaa bedeuten und einige Striche, anders angeordnet, - W - seien dann plötzlich ein wewewe.

Für das Kind ist nicht nachvollziehbar, warum es das eine Mal so und das andere Mal anders heißt. Die beiden Zeichen A und W unterscheiden sich zwar, aber in diesem Unterschied liegt nichts Zwingendes, wie es zum Beispiel der Fall wäre, wenn statt des A ein Apfel abgebildet wäre und statt des W ein Wolf.

Das Kind muss also nun auf dem flachen Papier Zeichen unterscheiden, die "eigentlich" nichts bedeuten, von denen nur die Lehrerin sagt, dass es da Unterschiede in der Bedeutung gäbe.

Um sich in dem zweidimensionalen System unserer Schrift zurechtzufinden, müssen erst einmal ausreichende Erfahrungen mit dem echten, dreidimensionalen Raum gemacht worden sein. Diese Erfahrungen können uns nur Bewegungen im Raum liefern.

Noch schwieriger wird die Sache beim Schreiben. Da müssen nicht nur die Augen die verschiedenen Zeichen unterscheiden. Es muss das räumliche Bewusstsein so ausgeprägt sein, dass eine Bewegung, die von links nach rechts geht, als Bewegung in einer Richtung interpretiert wird und nicht als Bewegung in verschiedene Richtungen.

Der Erwachsene kann gar nicht ermessen, was das Wahrnehmungssystem eines Kindes leisten muss, damit es dazu in der Lage ist. Das ist doch logisch, werden Sie denken, dass es immer in eine Richtung geht, wenn ich von links nach rechts fahre. Erinnern Sie sich noch einmal daran, was weiter oben gesagt wurde: Die Horizontale, also eine waagrechte Linie ----------------, ist eine räumliche Achse, die erst von unserem Körper aus bestimmt werden kann. Links heißt immer "links von mir" und rechts heißt immer "rechts von mir".

Fahre ich nun mit einem Stift von links nach rechts, so heißt das für mich: eine Zeitlang fahre ich von außen nach innen, auf meinen Körper zu. Dann, wenn ich bei meinem eigenen Standpunkt angekommen bin, dreht sich die Bewegungsrichtung um und läuft nun von innen nach außen, von meinem Körper weg.

>---------------->----------> Ich >------------ >-------------- >

Links: hier geht es von außen nach innen, zu meinem Körper hin.
Rechts: hier geht es von innen nach außen, von meinem Körper weg.

Erst ausgiebige Bewegungserfahrungen lassen das Gehirn lernen: Hier wird immer ein und dieselbe Richtung beibehalten. Hat das Kind die nötigen Erfahrungen gemacht, wird im Gehirn registriert: Hier handelt es sich um eine konstante Bewegung.

Da beim Lesen und Schreiben alles in waagrechten Linien - nämlich in den Zeilen - angeordnet ist, müssen Auge und Hand ständig von links nach rechts wandern. Kinder, denen diese horizontale Bewegung, immer über die Mitte unseres Körpers hinweg, Probleme bereitet, haben dann auch Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben: Sie verdrehen Buchstaben, lesen b statt d, ei statt ie, geraten beim Schreiben in der Mitte der Zeile völlig durcheinander und tun sich, obwohl sie nicht "dümmer" sind, wesentlich schwerer als ihre Kameraden in der Klasse.


Überblick: Warum eine positive Bewegungsentwicklung so wichtig ist

Wir haben nun verschiedene Aspekte kennen gelernt, unter denen es sich lohnt, Kindern zu einer guten Bewegungsentwicklung zu verhelfen: Bewegung und Denken: Über das Erlernen gezielter und gesteuerter Bewegungen werden erste wichtige Strukturen im Gehirn angelegt. Diese Strukturen stellen Verbindungen zwischen einzelnen Nervenzellen und Gruppen von Nervenzellen her. Sie machen es erst möglich, dass im Gehirn Kommunikation zwischen verschiedenen Bereichen stattfindet. Diese Kommunikation ist die Voraussetzung für das Denken. In unserem Gehirn muss eine Datenautobahn angelegt werden. Die Leistungsfähigkeit der Verbindungswege ist das, was intelligente von "dummen" Kindern unterscheidet.

Bewegung und Rechnen: Kinder, die sich gezielt bewegen können, sind in der Lage, durch Bewegungserfahrungen ein inneres Bild des äußeren Raumes aufzubauen. Diese Raumvorstellung entsteht, indem das Kind zuerst Richtungen in Bezug auf seinen eigenen Körper einordnen lernt: Was ist vor, hinter, links und rechts von mir? Es nimmt sich selbst im Raum wahr, bewegt sich im Raum und speichert die gemachten Erfahrungen als Vorstellung. Mathematische Vorstellung und mathematisches Denken sind nichts anderes als das Ordnen und Umordnen von Mengen in einem vorgestellten, innerlichen Raum. Körperschema und Raumvorstellung bilden die Grundlage dafür. Bewegung und Lesen und Schreiben: Bewegungserfahrungen ermöglichen die Orientierung auf der ebenen, zweidimensionalen Papierfläche, auf der Lesen und Schreiben stattfinden. Das Wiedererkennen von Buchstaben, das richtige Zusammenlesen und Schreiben sind nur möglich, wenn diese grundlegende Orientierung vorhanden ist. So können Eltern zu einer positiven Bewegungsentwicklung beitragen

Um leistungsfähig zu sein, braucht unser Gehirn die nötige "Infrastruktur". Alle nötigen "Verkehrsverbindungen" zwischen einzelnen Gehirnbereichen, zwischen Gehirn, Rückenmark, Sinnesorganen und Muskeln müssen vorhanden sein. Der Aufbau dieser Verkehrsverbindungen erfolgt hauptsächlich in den ersten Lebensjahren. Er wird entscheidend vorangetrieben und gefördert durch die immer komplizierteren Bewegungen, die ein Säugling im Lauf seiner Entwicklung vom Liegen bis zum freien Gehen auszuführen lernt. Eine Stufe bildet immer die Basis für das Erlernen der nächsten. Deshalb ist es so wichtig, dass jede Stufe gründlich durchlebt wird, dass sie quasi "ausgereift" ist, bevor zur nächsten Stufe übergegangen wird.

Säuglinge brauchen von Anfang an viel Bewegungsfreiheit, um ihre Bewegungen lernen und erproben zu können. Es ist wichtig, dass neurologische Entwicklungsphasen ohne Abkürzung durchlaufen werden. Ihr Kind sollte ausreichend lange auf dem Boden kriechen, krabbeln und erst dann laufen, wenn es das aus eigener Kraft kann.

Kleine Kinder sollten die Möglichkeit haben, die Geschicklichkeit und Bewegungsfähigkeit ihres Körpers zu trainieren: beim Spiel im Freien, beim Schaukeln, Klettern und Balancieren.

Kinder, die bereits mit drei Jahren stundenlang vor dem Kassettenrecorder sitzen, die täglich fernsehen oder gar schon einen Gameboy besitzen, versäumen wertvolle Entwicklungsmöglichkeiten, die später nie mehr im vollen Umfang zur Verfügung stehen.

Dabei sind gerade grundlegende Fähigkeiten so wichtig. Spezialisieren Kinder sich schon sehr früh auf eine bestimmte Sportart, so passiert das, was wir in der Pädagogik den Erwerb von Splitterfähigkeiten nennen: Kinder können vielleicht Tennis spielen, sind aber nicht in der Lage, auf einem Bein zu hüpfen, einen Ball zu fangen oder gut koordiniert zu gehen und zu laufen.

Damit ihr Kind optimale Chancen hat, muss es über eine breite Basis verfügen. Bewegungen legen den Grundstock für die Infrastruktur im Zentralnervensystem. Je mehr unterschiedliche Bewegungsarten Ihr Kind beherrscht, desto breiter und ausgeprägter ist seine Basis und desto sicherer wird es später seine intellektuellen Möglichkeiten entfalten können.

Verbringen Sie deshalb viel Zeit mit Ihrem Kind bei Bewegungsspielen aller Art: Wandern Sie mit ihm. Lernen Sie ihm das Springen, Klettern, Werfen und Balancieren. Installieren Sie eine Schaukel, einen Basketballkorb und eine Kletterstange in Ihrem Garten. Gehen Sie mit ihm zum Schwimmen. Kaufen Sie ihm keinen Gameboy, sondern schauen Sie mit ihm gemeinsam Bücher an. Dabei kann es gar nie zu so ausgedehnten, suchtartigen Sitzungen kommen wie bei elektronischen Spielen. Der Bewegungsdrang Ihres Kindes wird sich rechtzeitig melden.

In meinen Seminaren höre ich immer wieder, wie Eltern sagen: "Hätte ich das nur früher gewusst, um wieviel leichter wäre alles gewesen!" Es stimmt schon: Am einfachsten ist es, wenn Ihr Kind die optimalen Entwicklungschancen zum richtigen Zeitpunkt bekommt. Es ist allerdings auch später noch vieles an Förderung möglich, wenngleich es dann mühsamer und aufwendiger ist.

Wichtig ist, dass Eltern sich bewusst werden, wie notwendig einfache, grundlegende Dinge sind und wie wenig es auf so manches ankommt, was sich zwar beeindruckend und spektakulär anhört, was letztlich aber zur gedeihlichen Entwicklung eines Kindes nichts beiträgt.


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